Das Leben des Meisters

Howard Phillips Lovecraft wird heute zu den wichtigsten Autoren der unheimlichen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts gerechnet. Wenn er nicht - neben Stephen King - der wichtigste amerikanische Autor dieser Literaturrichtung überhaupt ist. Dieser Ruhm jedoch kommt spät, zu spät für Lovecraft. Trotz seinem umfangreichen Lebenswerk starb Lovecraft 1937, im Alter von sechsundvierzig Jahren, ohne das er mehr als ein Buch von sich veröffentlicht sah. Er hat es nie über Veröffentlichungen in den 'Pulp' - Magazinen (Deutsch: 'Groschenromane') hinaus gebracht. Dem engem Freund Lovecrafts, August Derleth und seinem Verlag 'Arkham House' ist es zu verdanken, daß Lovecrafts Geschichten nach seinem Tode doch noch Veröffentlichung erfuhren.

Lovecraft schrieb zu Lebzeiten ca. fünfundsechzig Geschichten, jede Menge Artikel und Essays, hunderte von Gedichten und um die hunderttausend Briefe. Trotzdem er das Leben eines einsamen Sonderlings führte, der nur nachts arbeitete und ständig krank war, hatte er doch engen Briefkontakt mit einem weiten Freundeskreis der so illustrierte Namen umfaßte wie Smith, Robert Bloch, Henry Kuttner, C.L. More, Fritz Leiber, Howard, Long und Derleth. Einige Briefe aus Lovecrafts enormer Korespondenz wurden vom Arkham House Verlag in fünf Bänden veröffentlicht, andere sind in der Brown University, Providence einzusehen. Mit diesen Freunden, die zumeist selbst Schriftsteller waren und im Gegensatz zu Lovecraft es schon während ihrer Lebzeiten zu Ansehen brachten, gab es einen regen Austausch von Ideen. So verwande Lovecraft in seinen Geschichten das von Robert E. Howard - dem Erfinder des Conan - geschaffene Buch 'Von Unaussprechlichen Kulten' und den wahnsinnigen Dichter Justin Geoffrey, genauso wie Hinweise auf Howards prehistorisches 'Cimmeria'. Von C.A. Smith übernahm Lovecraft die Götter Tsathoggua, Atlach-Nacha und Abhoth, gelegentlich bezog sich Lovecraft auch auf den von Smith geschaffenen, magischen und vorgeschichtlichen Kontinent Hyperborea. Dieses übernehmen von Ideen der Kollegen beruhte jedoch auf Gegenseitigkeit, so schrieben zum Beispiel Robert Bloch und August Derleth Geschichten, die sich an dem Reichhaltigen von Lovecraft geschaffenen Mythos bedienen. Diese Osmose ging jedoch noch sehr viel weiter. Bloch z. B. brachte in seiner Geschichte 'The Shambler from the Stars' einen nicht schwer zu erkennenden Lovecraft mit einem Sternenvampir um. Lovecraft lies es natürlich nicht aus, sich für den an ihm verübten Mord zu rächen, indem er den Protagonisten seiner Geschichte 'The Haunter of the Dark', Robert Blake sterben ließ.

Den - neben Lovecraft - größten Einfluß auf den Cthulhu - Mythos hatte jedoch mit Sicherheit August Derleth. Er schrieb noch lange nach Lovecrafts Tode im Jahre 1937 Geschichten, die sich auf Mythos bezogen. Wenn auch Derleths Einfluß auf den Mythos umstritten ist - nicht alle Liebhaber des Mythos stimmen seinen Ideen zu - so ist es doch seiner unermüdlichen Arbeit im Arkham House-Verlag zu verdanken, daß die Geschichten Lovecrafts nach dessen Tode die ihnen gebührende Anerkennung erhielten.

Großen Einfluß auf Lovecraft hatten verschiedene Autoren der Amerikanischen Phantastik wie Ambrose Pierce, Arthur Machen, Robert W. Chambers und natürlich Edgar Allan Poe, dessen Geschichten Lovecraft als Kind in der reichhaltigen Bibiliothek seines Großvaters entdeckte, neben den Märchen aus "Tausend und einer Nacht", und den klassischen Mythen. Wie überhaupt er einen großen Einfluß auf den jungen Lovecraft hatte.

Nach dem frühen Tod seines Vaters zogen er und seine Mutter in das Haus des Großvaters. Der bereits damals oft kranke Lovecraft war oft nicht in der Lage die Schule zu besuchen, und verschlang praktisch die Bücher der Bibiliothek. Als sein geliebter Großvater schließlich starb, erlitt Lovecraft einen Nervenzusammenbruch und verließ, vor seinem Abschluß, die Schule endgültig.

Lovecraft ging nie einer geregelten Arbeit nach, sondern finanzierte sich von dem schwindenden Familienvermögen und seiner Arbeit als Editor. Er sah sich selbst als Gentleman alter Schule, der seiner kreativen Beschäftigung nachgehen wollte, ohne auf finanzielle Zwänge achten zu müssen. Von den unter seinem eigen Namen erschienenen Geschichten konnte er nie Leben. Sie wurden mit erstaunlicher Regelmäßigkeit abgelehnt. Ironischerweise jedoch, verdiente Lovecraft gerade zu jener Zeit gutes Geld mit seiner Arbeit als Editor von Geschichten anderer, welche oft einem Ghostwriting gleich kam, zum Beispiel für Houdinis "Under the Pyramid". Lovecraft war dafür berühmt aus einer rohen Idee eine druckreife Geschichte zu machen. Viele dieser Geschichten sind zu neunzig Prozent Lovecrafts Werk, was sich teilweise auch unschwer erkennen läßt.

Nach dem seine Mutter in geistiger Umnachtung starb zog Lovecraft zu zwei Tanten. Von seinen Freunden dazu bewegt, unternahm er einige Reisen und zog nach New York, heiratete dort sogar die Millionärstochter Greene, kehrte jedoch nach zwei Jahren fluchtartig nach Providence, Rhode Island zurück. Nach seiner Zeit in New York klangen in seinen Geschichten durchaus als Rassistisch zu bezeichnende Untertöne. Seine Reisen scheinen die in ihm schon immer vorhandene Angst vor dem Unbekannten und Fremden noch verstärkt zu haben. Als Lovecraft 1936 schließlich an Krebs erkrankte, tat er es immer wieder als Magenschmerzen ab bis es zu spät war.

Sein Schaffen hat starken Einfluß auf die amerikanische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts hinterlassen und Inspirierte viele folgende Autoren Geschichten zu schreiben, die auf seinem Mythos basieren, unter ihnen Stephen King und Wolfgang Hohlbein.

©1995 by Florian Wallner